Vortrag Theater

„Asozial“ – „!Sozi!“. Frühe Prägung, unter der Hand weitergegeben wie mit verdeckten Karten

Do, 20.01.2022 | Beginn | Ende
„Asozial“ – „!Sozi!“. Frühe Prägung, unter der Hand weitergegeben wie mit verdeckten Karten
„Asozial“ – „!Sozi!“. Frühe Prägung, unter der Hand weitergegeben wie mit verdeckten Karten 
Vortrag von Heide Marie Voigt
 
Nahezu 3000 Kinder und Jugendliche waren inhaftiert in den Jugend-Konzentrationslager Moringen und Uckermark. In den Haftbegründungen werden die geringsten Auffälligkeiten als  Anzeichen der „Asozialität“ oder „Kriminalität“ gewertet, zum Beispiel sogenannte „Renitenz“ oder „Unerziehbarkeit“.
Persönliche Erinnerungen daran berichtete ein Überlebender der Referentin – er war von der Bremer Fürsorge eingewiesen worden. Die kurze Lebensgeschichte von Ella Nürnberg, die sich „fortgesetzt und gewohnheitsmäßig liederlich herumtrieb“, fand die Autorin in dem Heft „Haus Isenberg“, das im April 2021 veröffentlich wurde von Bernd Windmüller und der DENKORTE-Initiative Neustadt. Leicht ist keineswegs, die Verbrechen der Nazizeit aufzuarbeiten – aber wie ging es weiter?  „Leider endete das Martyrium für die Mädchen und jungen Frauen mit der der Naziherrschaft nicht, sondern sie wurden bis Ende der 1970iger Jahre in unmenschlicher Art und Weise im Isenbergheim betreut.“  Wie setzt sich die Prägung „asozial“ in den Familien fort?  Wie ist sie im ‚Zeitgeist‘ noch heute spürbar?  
Aus ihrer eigenen Praxis berichtet die frühere Lehrerin über eine Hauptschulklasse 1984 bis 1987: Die Jungen zogen sich gegenseitig auf als „!Sozi!“: abhängig vom ‚Sozialamt! Tom fragte: „Wissen Sie, was mein Opa tut, wenn ich ihn nach dem Krieg frage? Der nuscht mir eine! Können Sie das nicht verstehen? Der hat was Schlimmes erlebt.“ Wie verarbeiteten diese Kinder damals den Film Holocaust?

Heide Marie Voigt zitiert Aufsätze von Thorsten zur Judenverfolgung. „Schade, dass es keine KZ‘s mehr gibt, da gehörtest Du hin!“, sagte Mia zu ihrem Cousin Robert. Die Entwicklung von Robert ist erzählenswert! Auch heute gibt es „schwierige“ Jugendliche. Einige landeten offenbar als IS-Kämpfer in Syrien – so wie im Dritten Reich junge Männer sich bei der SS anwerben ließen. Die Referentin hat keine Rezepte für den Umgang mit ihnen. Sie zeigt Zusammenhänge – damals und heute – und hält sich an den Gehirnforscher Gerald Hüther: Statt ständig die Welt weiter nach unseren Vorstellungen verändern zu wollen, bleibt uns heute nichts anderes übrig, als unsere Vorstellungen von uns selbst zu ändern. 
 
Eine Veranstaltung in Kooperation von Heinrich-Böll-Stiftung, Partnerschaft für Demokratie Bremen und Kulturzentrum Kukoon im Rahmen der Reihe 27. Januar – Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus von Erinnern für die Zukunft.